Schwebendes Schlafzimmer
Das Albtal hat ein drittes Baumhaus.
Es hängt in Dobel am Westweg und bietet
ein unvergessliches Erlebnis – auch wenn
man es die meiste Zeit verschläft.
Es ist absolut finster und fast absolut still. Nur der Wind wispert leise durch die Blätter und murmelt ein Schlaflied. Ein letzter Blick in die Baumkronen, dann gleitet man in das Reich der Träume – drei Meter über der Erde.
Eine Nacht in einem Baumhaus ist immer ein besonderes Erlebnis, vor allem dann, wenn es nicht auf Stelzen steht, sondern frei schwingend an den Bäumen hängt. Solche schwebenden Schlafzimmer baut der „Bund für Baumhaustechniker“ zusammen mit Jugendgruppen und Vereinen in Workshops und Feriencamps. Jedes Baumhaus besitzt einen Holzboden aus Schwarzwald-Weißtanne und durchsichtige Plexiglaswände, die pyramidenförmig zulaufen. Zur Ausstattung gehört eine chemiefreie Komposttoilette am Boden, LED-Licht aus Sonnenstrom und der Luxus einer Handy-Ladestation. Weniger ist mehr, lautet das Motto beim luftigen Camping unterm Blätterdach fernab vom Trubels eines Zeltplatzes.
Zehn Baumhäuser hat der Verein bereits im Schwarzwald errichtet, drei davon befinden sich im Albtal: in Bad Herrenalb, bei der Eyachmühle und – das neueste – am Westweg in Dobel. Die meisten können nur gefunden werden, wenn man weiß, wo sie sind. Es ist also ratsam, ihr Waldversteck noch bei Tageslicht auszukundschaften.
Erfunden hat sie der Calwer Sozialpädagoge Tobias Weißenmayer mit seiner Pfadfindergruppe. Zusammen haben sie getüftelt, sich von Baumingenieuren beraten lassen, gesägt, geschweißt, gebohrt, geschraubt und 2018 schließlich das erste Baumhaus bei der Talwiese Bad Herrenalb mit dicken Stahlseilen an starken Bäumen aufgehängt. Familien sowie Wanderer auf Tour durch den Schwarzwald können dort mitten in der Natur übernachten und, wenn sie wollen, von Baumhaus zu Baumhaus laufen.
„Wir sind auch ein Tourismusförderprojekt, das die bestehende Infrastruktur, Vereine und mittelständische Unternehmen stärkt“, sagt Tobias Weißenmayer. Das Projekt sei regional, sozial, umweltfreundlich und nachhaltig. „Wir haben null Flächenverbrauch.“ Die fliegende Zelte sind keine Belastung für die Umwelt und die Natur. Im Gegenteil: Sie schützen die Bäume, die zudem besonders gepflegt werden, vor der Abholzung. Und das System wächst mit ihnen mit.
Eine gute Woche dauert es, bis der modulare Bausatz zusammengezimmert ist und von den Jugendlichen selbst mit Greifzug und Umlenkrolle in die Höhe gepumpt werden kann – mit Unterstützung von ehrenamtlichen Baumkletterern. Ein Riesenerlebnis! Dem Sozialpädagogen geht dabei vor allem um Teamgeist, Spaß und Naturerfahrung, aber auch darum, dass die Jugendlichen den Umgang mit Werkzeug lernen, richtig mitschaffen und sich ausprobieren dürfen.
Das jüngste Baumhaus im Albtal befindet sich unweit des EC Freizeit- und Schulungszentrums Dobel mit Spielplatz und Grillstellen. Auch wenn es nicht ganz so abgelegen und einsam liegt wie die Baumhäuser Eyachmühle und Bad Herrenalb, eine Taschenlampe dabeizuhaben ist in jedem Fall hilfreich, dazu Spiele, vielleicht ein gutes Buch und ein Picknick. Oder man nutzt das gastronomische Angebot in der Umgebung. Die Ortsmitte ist nur 500 Meter entfernt.
Tagsüber hängt das Baumhaus wie ein riesiger transparenter Kristall im Wald, nachts leuchtet es gleich einer Laterne violett, rot oder grün. Über eine Klappleiter und eine Luke gelangt man hinein. Sechs Erwachsene finden mit Isomatten und Schlafsack Platz, dann wird es dort auch muggelig warm. „Manche fürchten sich ein wenig so mitten im Wald“, erzählt Tobias Weißenmayer, „aber genau darin liegt ja der Charme der Baumhäuser. Ein vorbeilaufendes Wildschwein ist das gefährlichste, was passieren kann.“
Die meisten schlafen nach einem ereignisreichen Tag mit Ausflügen ohnehin wie ein Murmeltier – oder besser: wie ein Eichhörnchen. Und wenn am Morgen die Vögel ihre Arien singen und Wecker spielen, blinzelt man ins grüne Blätterdach. Ein Augen-Blick zum Verweilen schön.
Info
Die Baumhäuser können von den Osterferien bis zu den Herbstferien übers Internet gebucht werden. Am Tag der Anreise erhält man einen Zugangscode, um die Luke zu öffnen. Eine Übernachtung für bis zu sechs Erwachsene kostet 89 Euro