Eine Halle voller Fahrzeuggeschichte
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Die Jäger und Sammler

Ein Fahrzeugmuseum wie das in Marxzell gibt es kein zweites Mal. Besucher begeben sich dort auf eine wilde Zeitreise ins vergangene Jahrhundert.

Geschichte

Wenn Wolfgang Reichert früher unterwegs war, hatte er immer einen Schlepphund dabei. Das ist kein Vierbeiner, den man hinter sich herzieht, sondern eine Abschleppachse – für den Fall, dass er ein Juwel oder einen Haufen Schrott auf vier Rädern entdeckte, was häufig dasselbe war. So konnte er den Fund sofort mitnehmen. Wie an jenem Tag, als er zufällig durch das Astloch eines Schuppens blinzelte und dort einen Audi von 1911 stehen sah, einen der ersten überhaupt.

Wolfgang Reichert ist ein Jäger und Sammler und mit seinem jüngeren Bruder Hubert Besitzer des Fahrzeugmuseums Marxzell. Wobei diese Bezeichnung viel zu kurz greift. Was in der ehemaligen Sägemühle im Albtal versammelt ist, lässt sich mit Kuriositäten- und Raritätenkabinett besser beschreiben. Auf 3.600 Quadratmetern stapelt sich alles, was alt ist und vier oder zwei Räder hat bis unter die Decke.

Fast 200 Autos sind darunter, die die Herzen von Oldtimerfans hüpfen lassen, dazu rund 170 Motorräder, ein Hubschrauber, Kutschen, Alltagsgegenstände und technisches Gerät. Viele Wände sind gepflastert DIE JÄGER UND SAMMLER Ein Fahrzeugmuseum wie das in Marxzell gibt es kein zweites Mal. Besucher begeben sich dort auf eine wilde Zeitreise ins vergangene Jahrhundert. Rädern entdeckte, was häufi g dasselbe war. So konnte er den Fund sofort mitnehmen. Wie an jenem Tag, als er zufällig durch die die Herzen von Oldtimerfans hüp- 39 KULTUR. ALBTAL MAGAZIN mit historischen Emailleschildern. Die Zeitreise, auf die Besucher sich dort begeben, gleicht einem wilden Ritt ins vergangene Jahrhundert. Das Sammler-Gen hat der 76-Jährige von seinem Vater geerbt. Der war zwar „nur“ Lehrer, konnte es aber nicht ertragen, dass die Menschen nach dem Zweiten Weltkrieg alles wegwarfen, was als altes Zeug galt. „Ab den 1960er-Jahren hatten die Leute mehr Geld und kauften vieles neu“, sagt Wolfgang Reichert und zieht ein Orchestrion von 1910 an einer Kurbel auf. Eins der neun Lieder, die auf der Walze hinterlegt sind, beginnt zu klimpern.

Der Vater rettete anfangs vor allem Fahrräder und Motorräder vor der Verschrottung und gründete 1968 das Museum, heute eines der größten deutschen Technikmuseen in Privatbesitz. Das erste Auto seiner Sammlung war ein Opel 4/16, durch den ein Zwetschgenbaum hindurchgewachsen war. Die beiden Buben mussten Automechaniker lernen, damit wenigstens jemand in der Familie schweißen und reparieren konnte. „Wir haben Fahrzeuge, die sonst keiner mehr hat“, sagt Wolfgang Reichert. 

Die Hallen sind wie ein riesiges 3DWimmelbild, ein großes Durcheinander, das Besucher aller Begeisterung zum Trotz irgendwann an den Rand der Aufnahmekapazität bringt. Doch Wolfgang Reichert hat durchaus eine interne Ordnung geschaffen. Es gibt eine Opelecke, eine für Audi, BMW, Mercedes … Teilweise sind die Fahrzeuge mit Schaufensterpuppen szenisch arrangiert. Über 16 knallroten Feuerwehrautos schwebt ein knallroter Hubschrauber. Für all seine Trabis und Wartburgs hat er momentan gar keinen Platz – und nach denen wird oft gefragt. „Wir brauchen eine größere Halle“, seufzt er und wischt mit einem Staublappen über eine Kühlerhaube. Dann wird er schwärmerisch: „Das hier hat noch seinen ersten Lack.“ 

Die meisten Fahrzeuge befinden sich in unrestauriertem Originalzustand. Und Wolfgang Reichert kennt jedes einzelne persönlich, seine Technik, Geschichte und Geschichten. „Immer wenn ich etwas Geld übrig hatte, bin ich losgezogen“, erzählt er. Das meiste fand er auf Schrottplätzen zu Spottpreisen. Einige Autos wurden im quasi hinterher geworfen. In Freudenstadt entdeckte er einen Mercedes 230, der eingemauert war, damit er im Krieg nicht konfi sziert wurde. Einen Opel Admiral in Schweden hatte die Wehrmacht einfach stehenlassen. Im Elsass waren Raritäten in die Landschaft gekippt. Und den Kanonenschlepper aus dem Ersten Weltkrieg mit Kettenantrieb fand er von einer Hecke überwachsen.

Ebenfalls Kettenräder hat sein ältestes Modell: ein Millot von 1898. Für einen fahrbereiten Adler Sport bezahlte er einst 80 Mark. „Der wäre heute 40 000 Euro wert.“ 70 000 hatte jemand für den Lanz Dampftraktor von 1905 geboten. Den gibt es sonst nirgendwo mehr. Doch Wolfgang Reichert verkauft nicht. Nur wenn er ein Exemplar doppelt besitzt. Zu seinen besonderen Stücken gehört auch ein Schweizer Feldküchenwagen von 1910. Ein Renault, Baujahr 1928, hatte sogar schon einmal eine Filmrolle: als Polizeiauto in „Die Holzbaronin“. Vom Lloyd 300 aus Sperrholz, Blech und Kunstleder, besser bekannt als Leukoplastbomber, bis zum Rolls-Royce Phantom III – es scheint hier nichts zu geben, was es nicht gab.

Im Fahrzeugmuseum sind Automarken ausgestellt, von denen die meisten bestimmt noch nie etwas gehört haben: Maico, Mauser, Mochet, Fuldamobil, Amilcar – ein Rennwagen. Oldtimer-Ralleys sind Wolfgang Reichert und sein Vater auch einige gefahren. Heute setzt er sich nur noch für den Feuerwehrumzug ans Steuer seiner Oldies. Er vermietet einen Cadillac für Hochzeiten und hilft mit Leihgaben bei Ausstellungen aus. 

Wolfgang Reichert bräuchte drei Leben, um all seine Schätze sortieren und angemessen präsentieren zu können. Zur Zeit richtet er einen Gebäudeteil für seine verstaubten Kutschen her. Danach soll der Radioraum für zig Rundfunkempfänger, Fernseher, Tonbandgeräte und Registrierkassen an der Reihe sein. Tatsächlich ist das Fahrzeugmuseum mit seinen vielen Alltagsgegenständen zugleich ein Heimatmuseum. „Ich plane eine Stiftung einzurichten“, sagt Wolfgang Reichert. „Denn was früher Schrott war, ist heute oft sehr viel wert.“ Damit will er diejenigen schützen, die sein Lebenswerk und das seines Bruders einmal fortführen werden.

Ein Telefon klingelt. Jemand hat den Apparat aus den 1930er-Jahren entdeckt, der ans Telefonnetz angeschlossen ist. „Nicht verraten, wo er steht“, bittet der Experte für das vergangene Jahrhundert. Es wird ja auch immer mal wieder geklaut. Dann trottet er in seine Werkstatt zurück. Es gibt noch so viel zu tun. 

Info.

Das Fahrzeugmuseum Marxzell, Albtal straße 2, hat täglich geöff net von 14 bis 17 Uhr, Eintritt 6 Euro. Im Museum gibt es ein historisches Kino mit originaler alter Filmmaschine. Gezeigt wird ein Film über die Historie des Autos. 

www.fahrzeugmuseummarxzell.de

 

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