Das Malscher Amazon
Dass es das noch gibt: Ein Gemischtwarenladen behauptet sich und freut die Kunden.
Schnürsenkel sind komplex. Es gibt einfach zu viele verschiedene davon. Sagt Konrad Kunz, obwohl oder gerade weil er kein Schuhgeschäft betreibt. Davon abgesehen, hat er ziemlich viel zu bieten. „Sie haben alles, was man braucht, und was nicht da ist, braucht man auch nicht“, soll einmal jemand gesagt haben. Das, meint Konrad Kunz bescheiden, sei dann doch etwas übertrieben.
„Eisenwaren Haushaltsartikel“ steht über dem Eingang seines Ladens im Zentrum von Malsch. Er ist eine Art Malscher Amazon – nur analog. Derart groß und vielfältig ist das Sortiment. Von Äxten bis Waschbeckenstöpsel reicht die Palette. Espressokocher, Schraubenzieher, Klobürsten, Gartenschläuche, Bügeleisen und Bohrmaschinen füllen die Regale, Fliegenklatschen, Sägen und Spanngurte hängenan der Decke. Sonst würde der Platz gar nicht ausreichen. Und die Kunden wissen, dass sie Schrauben, passende Dübel und Schlauchschellen hier auch einzeln bekommen. So ein Geschäftsmodell gibt es heute eigentlich gar nicht mehr. Es ist fast schon ein Exot. An diesem Vormittag klingelt entweder das Telefon oder die Türglocke oder beides gleichzeitig. „Wir können nicht klagen“, sagt der Inhaber, der mit seinem Sohn Alexander, 27, den Laden schmeißt. Ein Satz, den man schon ausgestorben glaubte. Es läuft. Das liegt auch daran, dass das Gemischtwarengeschäft ein Familienbetrieb ist. Mit freundlichen Menschen. Ohne Personalkosten. Ohne hohe Mieten.
Konrad Kunz‘ Großvater Emil hat das Haus gebaut und 1931 einen Kolonialwarenladen, wie es damals hieß, mit Eisenwaren und unverpackten Lebensmitteln eröff net. Seither veränderte sich das Sortiment so beständig wie die Zeiten und die Kundschaft. „Wir hatten schon LED-Leuchtmittel, da wussten viele noch gar nicht, was das ist“, erzählt Alexander Kunz. Die Betreiber wechseln auch die Batterien von Armbanduhren, der Juwelierladen im Ort hat ja längst dicht gemacht.
Schon wieder klingelt das Telefon. „Nein“, antwortet der Inhaber, „wir führen keinen Autozubehör.“ Und dann: „Die Leute glauben tatsächlich, dass es bei uns alles gibt.“ Was sie aber bekommen und überaus schätzen, ist Fachwissen und ausführliche Beratung. In Baumärkten ist das doch eher suboptimal, in Online-Shops Fehlanzeige. Wer ein kaputtes Teil dabei hat und nach Ersatz fragt, hat hier gute Chancen. Eine Besucherin aus Tübingen braucht dreieckiges Schleifpapier. Gemeinsam wird die richtige Größe und Körnung gesucht. „Ich bin in Malsch und mit diesem Laden aufgewachsen“, sagt sie.
Die Kunden, viele von außerhalb, geben sich die Klinke in die Hand. Sehr gefragt ist auch der Schlüsseldienst. Und während Alexander Kunz an der Maschine im großen Lager zehn Exemplare schneidet, zählt sein Vater 20 Schrauben auf die Theke. Dem nächsten Kunden verkauft er ein Kühlschrankthermometer.
„Wir brauchen gute Lieferanten“, sagt Alexander Kunz, „und das ist zunehmend ein Problem: Es fehlen immer häufiger die Großhändler, vor allem bei Haushaltswaren.“ Feines Porzellan, Vasen und schönes Besteck sind allerdings auch kaum mehr gefragt, Ladenhüter, die nur noch abverkauft werden. Dafür gibt es nun hippe Spiralschneider für Gemüse und Ladekabel für Smartphones. Das bringt junge Kundschaft ins Geschäft.
Das Vater-Sohn-Duo profi tiert – so bitter das ist – auch vom allgemeinen Ladensterben. Es füllt eine Lücke und punktet mit Service. „Wir haben in Malsch kein Schuhgeschäft mehr, dafür drei Fitnessclubs und eine ShishaBar“, sagt Konrad Kunz etwas resigniert. Deshalb fragen die Leute nach Schnürsenkeln. Doch die sind einfach zu komplex
Info.
Konrad Kunz Eisenwaren Haushaltsartikel, Waldprechtstraße 4, Malsch, Telefon 07246 1349
www.ig-malsch.de/item/konradkunz-eisenwaren