Gemütlich wie bei Omama

Die Heimatabende in Waldbronns Dorfmuseum sind Kult und ein Jahr im Voraus ausgebucht. Doch wo liegt eigentlich ihr Erfolgsrezept? Ein Besuch im Zentrum der Gemütlichkeit.


Ganz am Ende, da läuft der Stefan noch einmal zur Hochform aus. Spannt den Regenschirm auf, von dem allerlei Nippes baumelt und singt in gereimten Versen eine Geschichte dazu. Das Publikum kugelt sich vor Lachen, so wie es sich schon zuvor kugelte, als er Witze wie eben jenen zum besten gab: „Ein Schreiner will seiner Frau einen Stuhl schenken. Als ihn ein Freund fragt, wie weit er damit sei, antwortet er: Alles fertig, bis auf elektrisch.“ Stefan Becker ist 78 Jahre alt und einer der altgedienten „Heimatstübler“. Monat für Monat und Jahr für Jahr kommen sie zwischen September und Mai zusammen, und entzünden ein Feuerwerk der Nostalgie und Komik. Sechs Herren und zwei Damen, die im Hintergrund für das leibliche Wohl sorgen. Es wird gegessen und getrunken, gesungen und gelacht im ältesten Wohnhaus des Dorfes.

1702 wurde das Gebäude errichtet und im 20. Jahrhundert in ein Heimatmuseum verwandelt. Damit es auch gemütlich und ansehnlich wird, haben viele Menschen viele Gegenstände gespendet. Doch richtig zum Leben erweckt wurde es erst durch die Heimatabende in den Heimatstuben. Schon seit 1979 gibt es sie, bis heute zehrt man von den Texten und Melodien, die sich die Pioniere Norbert Schönherr, Josef Taller, Alois Vogel und Helmut Scheib ausdachten. Erst vor Kurzem ist mit Helmut Scheib der letzte aus der Anfangsbesetzung gestorben. Die Refrainzeile des „Heimatstubenliedes“ ist auch eine Hommage an ihn: „Wenn der Helmut seine Bassgeige zupft“ heißt es da und dass es hier „gemütlich wie bei der Omama“ zugeht.

Tatsächlich erinnert der Raum, in dem die Gäste sitzen, eher an ein Wohnzimmer. Bei 38 Personen ist die Obergrenze erreicht, ideal für Gruppen, die etwas zu feiern haben und sich einen schönen Abend machen wollen. Diesmal ist es der Geburtstag von Ingeborg, der zelebriert wird, mit einem kräftigen „Happy Birthday“, das die beiden Stubenmusiker Harald Jung (Akkordeon) und Kurt Bechtel (Gitarre) aus voller Kehle schmettern. Es ist ein permanenter Wechsel von musikalischen Darbietungen und Kurzvorträgen, der den Heimatabend bestimmt. Moderator Günther Sperl heizt die Stimmung an, erzählt in launigen Worten die Geschichte des Hauses und Rainer Kraft singt das passende Lied dazu: „Waisch noch Karle, domols war’s halt schee“.

Alle Lieder sind selbstgedichtet, mit komischen Textzeilen, aber auch solchen, bei denen die Leute wehmütig werden. Als Reichenbach noch ein Dorf war und noch kein Auto Ruhe und Frieden störte. Manche können sich noch daran erinnern, der älteste Gast ist an diesem Abend 101 Jahre alt, doch auch ein paar junge Buben und Mädchen lauschen den Klängen. Natürlich wird hier auch der Dialekt gepflegt. Man spricht Badisch, was sonst, und macht sich gerne lustig, wie es klingt, wenn Hochdeutsch und Mundart vermischt werden: „Ich bin geloffe“. Da darf natürlich das Badnerlied nicht fehlen, das zu vorgerückter Stunde von Musikern und Gästen lauthals angestimmt wird. Eine Frau legt sogar ihre Hand aufs Herz, die Regional-Hymne ist so beliebt und schmissig, dass sie gerne auch von Nicht-Badnern mitgesungen wird.

Die Zeit vergeht wie im Nu, wenn die Heimatstübler zum Unterhaltungsabend einladen. Eh man sich’s versieht, ist es Mitternacht und der letzte Witz noch immer nicht erzählt. Jetzt muss der Horst Weber noch eben schnell erklären, wie das Kraut fachgerecht geschnitten wird. Und Waltraud Kieweg und Renate Masino zum x-ten Mal Wein aus dem Keller holen. Ganz am Ende stehen noch einmal alle zusammen und schmettern aus voller Kehle das Abschiedslied: Selbst Bürgermeister Franz Masino ist immer wieder dabei, die Heimatabende sind ein Vergnügen für die Besucher, aber auch ein Stück Identität für die, die den Verein tragen und in Waldbronn leben.

„Es war wie immer traumhaft“, sagt eine Frau zum Abschied. Sie war nun schon das vierte Mal da, aber jedes Mal ist sie aufs Neue berührt und amüsiert. Man kann sich ja auch nicht alle Lieder und jeden einzelnen Witz merken. Mal sehen, wen der Stefan beim nächsten Mal auf den elektrischen Stuhl setzt. Und ob der Reiner wieder so schön vom alten Emil und vom Karle singt. Das Heimatmuseum lebt, dank der Menschen, die es einmal im Monat zum Leben erwecken.

Gut zu Wissen

Wer einen Heimatabend in den Heimatstuben von Waldbronn (Ortsteil Reichenbach, Stuttgarterstr. 23) buchen möchte, wendet sich an Telefon +49 7243 609210, www.heimatstuben-waldbronn.de, www.waldbronn.de. Heimatabende finden von September bis März einmal im Monat statt. Das Museum kann mittwochs nach Voranmeldung auch besucht werden.

In diesem Artikel erwähnt

HEIMATSTUBEN

Kleine Einblicke in das ehemals dörfliche Leben der Gemeinden Busenbach, Reichenbach und Etzenrot bieten die Waldbronner Heimatstuben.